My World Depends On Us!
Meine Welt hängt von uns allen ab!

Kein weiter wie bisher

Es gibt unglaublich viele good-practice Beispiele an Entwicklung und Fortschritt auf dieser Welt. Um nur einige hier zu nennen: Es konnte die globale Kindersterblichkeitsrate enorm gesenkt werden; noch nie konnten so viele Kinder dieser Erde eine Basisschulbildung erlangen. Die Armut - gemessen am BruttoInlandsProdukt pro Kopf - war global betrachtet noch nie so gering.[1]

& dennoch gab es kaum eine Zeit, in der die individuellen Ängste und Unsicherheiten so dominant waren. Es scheint etwas nicht mehr im Lot zu sein. Aus dem Gleichgewicht geraten. Falsch. Ungerecht. Wir spüren, dass es „so nicht weitergehen kann“. Verstärkt werden diese mulmigen Gefühle auch durch die Häufigkeit in der globale Krisen auftreten, dass Verantwortlichkeiten dafür umgangen – kaum übernommen werden, dass externe negative Kosten auf die gesamte (Welt-)bevölkerung abgewälzt werden sowie durch die Überrepräsentanz negativer Nachrichten in (Sozialen)Medien. Komplexität und Geschwindigkeit der Veränderungen – allen voran durch technologische Entwicklungen – erscheinen auf der persönlichen Ebene häufig als „zu viel“, zu undurchsichtig, einfach überwältigend; wo nur beginnen? Wem und welchen Informationen ist noch zu trauen? Ein Gefühl von Machtlosigkeit kommt auf.

Zu einfach erscheint es dann, in die individuelle Häuslichkeit zu entfliehen – die materiellen Errungenschaften, die unsere "imperiale Lebensweise"[2] geschaffen hat, „noch schnell“ zu genießen: Schneiden wir uns rasch noch ein Stückchen ab vom Kuchen, bevor es nur noch Brösel gibt. Ein Eskapismus, der entmachtet, der verunsichert, Handlungsunfähigkeit erzeugt. Dies wiederum öffnet auch Tür & Tor für Populismus, für den Wunsch nach einfachen Lösungen, nach „starken Männern“[3] und schließlich zur (politischen) Rückkehr zu nationalstaatlichen Ideen und Konzepten – zu Nationalismus.

   

Wo die WeltbürgerInnen leben

Diesen Trend könnte nun auch das Ergebnis einer Langzeitstudie bestätigen: Globescan führte im Auftrag der BBC eine Langzeitstudie (15 Jahre) in 18 Ländern und mit über 20.000 Menschen durch. Dabei wurde die Frage gestellt: „I see myself more as a global citizen than a citizen of my country.“[4] (freie Übersetzung: Ich fühle mich mehr als WeltbürgerIn als lediglich als BürgerIn meines Landes.)

In Abb. 1 sieht man eindeutig, dass sich vor allem Menschen in Ländern des Globalen Südens (Entwicklungs- und Schwellenländer) signifikant stärker als WeltbürgerIn verstehen als jene aus Industriestaaten[5]. In letzteren fühlen sich mehr Befragte in ihren Nationalstaaten verwurzelt und dem Kosmopolitismus gegenüber zunehmend skeptisch eingestellt. „Noch 2009 waren beide Ländergruppen etwa gleichauf: Immerhin 48 Prozent der Befragten in OECD-Ländern[6] sahen sich als Weltbürger, in den anderen Staaten waren es 45 Prozent. Während die Zustimmung dort seither auf 56 Prozent stieg, sank sie in den besser gestellten Volkswirtschaften auf 42 Prozent.“[7]

Abb. 1: Output einer BBC & Globescan Studie 2016 zum Thema Global Citizenship.
Abb. 1: Output einer BBC & Globescan Studie 2016 zum Thema Global Citizenship.

Obwohl sich der globale Waren-, Dienstleitungs- und Kapitalverkehr unhinterfragt und immer schneller globalisiert und obwohl Länder wie Deutschland oder Österreich allein wirtschaftlich (Stichwort: Export) enorm von der Globalisierung profitieren, scheinen Menschen aus Industriestaaten zunehmend weniger bereit, die Welt als ihre Heimat zu sehen. Eine Antwort auf das „warum“ liefert die Studie freilich nicht. Doch könnten die nationalstaatlichen Entwicklungen europäischer Länder (siehe Ergebnis der AfD in der dt. Bundestagswahl 2017) reale Hinweise für die Bestätigung der Studienergebnisse sein.

     

Together Alone – Gemeinsam Einsam?

Neueste Studien[9] meinen noch einen weiteren „Trend“ zu erkennen: Obwohl wir zu der am meisten vernetzten Gesellschaft zählen, die es je gab, war unsere gefühlte, individuelle Einsamkeit noch nie höher. Ein Paradoxon, welches Sherry Turkle (vom MIT und in Bezug auf das Internet bzw. Soziale Medien) mit den beiden Worten „together – alone“[8] beschreibt. Die Individualisierung von beinahe allen Lebens- und Wirkbereichen (angetrieben natürlich auch vom Diktat der jährlichen wachsenden Wirtschaftsleistung gemessen am BIP), lässt uns global vereinsamen! Wohnraum wächst - die Liste der Personen, die man im Ernstfall kontaktieren kann - schrumpft.


Ein bewegender TED-Talk von Rabbi Lord Jonathan Sacks mit dem Titel: How we can face the future without fear together? (freie Übersetzung: Wie können wir gemeinsam ohne Angst unserer Zukunft begegnen?) liefert ein mögliches Erklärungsmodell für diesen Zustand. In dem Vortrag stellt er die Frage, was wir im 21igsten Jahrhundert eigentlich verehren, anbeten? Seine Antwort: Das Selbst. Das Ich. Das Mir und für mich.

Als soziales Wesen kann der Mensch jedoch nicht Mensch sein ohne das Wir. „A human is a human because of other humans.[10] Den Großteil unserer Evolutionsgeschichte haben wir in kleinen Gruppen verbracht. Hier lernen wir „die Choreografie des Altruismus“[11] , dort erschaffen wir spirituelle Güter wie Freundschaft, Vertrauen, Loyalität und Liebe – jene Güter, die unsere Einsamkeit tilgen könnten.

Kehren wir wieder zurück zu einer „Wir“-Politik statt der „Ich“-Politik, können wir erkennen:

„dass eine Nation stark ist, wenn sie sich um die Schwachen kümmert, dass sie reich wird, wenn sie sich um die Armen sorgt, dass sie unverwundbar wird, wenn sie sich um die Verletzlichen kümmert. Das macht große Nationen aus.“[12]

    

Eine Welt – Ein Plan: Die Sustainable Development Goals / Agenda 2030

Die politischen Eliten dieser Welt haben sich 2015 auf neue Ziele – die sog.  SDGs – verständigt. Es handelt sich dabei um ein von (nationalen) Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen beschlossenes globales Aktionsprogramm, für dessen Umsetzung sie verantwortlich sind. Mit dieser Agenda leitet sich auch erstmals ein inhaltlicher Paradigmenwechsel ein: ALLE Länder gelten nunmehr als quasi „unterentwickelt“ – müssen ihre Beiträge für eine sozial nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise leisten. Es heißt auch, dass Industriestaaten beginnen (entwicklungs-)politisch kohärent zu handeln und sich aktiv an einer der SDG-förderlichen Umgestaltung der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu beteiligen.[13]

    

The toolbox is you![16] – Global Citizens verändern selbst statt zuzusehen

Globale WeltbürgerInnen verstehen, dass Globalisierung kein rückgängig zu machender Prozess ist. Sie verstehen, dass globale Probleme auch globale Lösungen sowie globale Solidarität brauchen. Sie wollen aktiv werden, statt zu warten, bis sich „von selbst“ etwas verändert. Sie setzen häufig im Kleinen – in ihrem Umfeld – an Problemen an und versuchen dann kreative Lösungen zu finden. Eine Bewegung die immer größer wird – und offenbar auch dringend benötigt wird, um sozial-ökologische Transformation einzuleiten: In einem kürzlich erschienen Artikel der UNESCO heißt es: “Global citizen identification is conducive to SDG fulfilment”[17] (freie Übersetzung: Das Identifizieren von WeltbürgerInnen ist für das Erreichen der Nachhaltigen Entwicklungsziele essentiell).

     

Ethics 4.0: Global Citizenship Education ist zukunftsfähige Bildung

Die Zukunft von heute ist die Gegenwart von morgen. Für eine Transformation hin zu einer gerechten Weltordnung, braucht es ein globales Umdenken, ein Bewusstsein über Herausforderungen unserer Zeit sowie das Wissen über neue Wege und mögliche Alternativen – ein Ansetzen im Hier und Jetzt.

Global Citizenship Education als Form zeitgemäßer und zukunftsfähiger Bildung leistet hier ihre Beiträge und hat auch in die meisten Lehrpläne bereits Einzug gefunden. Auch ein SDG-Unterziel (4.7.) bezieht sich direkt auf die Wichtigkeit von GCE: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die für nachhaltige Entwicklung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, u.a. durch Bildung für nachhaltige Entwicklung, für nachhaltige Lebensweise, für Menschenrechte, für Gleichberechtigung der Geschlechter, durch Förderung einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit, durch Global Citizenship Education und Wertschätzung kultureller Vielfalt und durch den Beitrag der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.“[18]

Eine strukturelle Veränderung „von oben“ ist hierbei ebenso wichtig, wie eine informierte, starke Zivilgesellschaft, die den Wandel „von unten“ einleiten kann:

WE ARE THE CHANGE!

TAKE ACTION - für die Eine Welt!

Ein Kommentar von Olivia Tischler, Global Citizen, Wirtschaftspädagogin & Referentin für globale Gerechtigkeit
(Stand: September 2017)

Quellen zu diesem Beitrag

Kino macht Schule: Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

(c) Bild: Screenshot von http://www.diezukunftistbesseralsihrruf.at/

TED: What does it mean to be a citizen of the world?

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(c)Bild: Screenshot aus https://www.ted.com/talks/